"Ökohaus" Berlin

Berlin-Tiergarten | Corneliusstraße
» IBA Bauprojekt: Realisierung 1989-1991

 

Gesamtmodell des Ökohauses in Berlin.
Gesamtmodell
Baukörper im Foto.
Lageplan
Baugruppe tagt
Arbeitsmodell
Gesamtansicht
Ost-Baukörper
Richtfest Infrastruktur
West-Baukörper in Bau
Ost-Baukörper in Bau
alle Grundrisse

An einem der attraktivsten innerstädtischen Wohnstandorte in Berlin-Tiergarten wurden am Landwerkanal beim sog. “Ökohaus“ im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) Maisonette-Wohnhäuser errichtet, die jeweils von Einzelbau­herren und ihren Architekten individuell geplant wurden.

Die Konzeption und die Planung der baukonstruktiven und versorgungstechnischen Infrastruktur stammt von Prof. Frei Otto. Die Gebäudeentwürfe haben 9 verschiedene Architekten gefertigt, die die zweigeschossigen Gebäude - wie Schubladen in ein Regal - in die Infrastruktur geschoben haben. Die Einzelhäuser scheinen wild übereinander gestapelt/ untereinander geschoben/ eingebaut oder ausgebaut zu sein. Das war möglich, weil die unteren Häuser nicht die oberen tragen müssen. Die Infrastruktur aus Stahlbeton hatte große Ähnlichkeit mit aufeinander stehenden Tischen und gab den Planern in vorgegebenem Rahmen konstruktive Freiheiten. Das knappe innerstädtische Bauland konnte so optimal ausgenutzt werden, wobei die die beiden Baukörper ungefähr die Flächen in beanspruchten, die bereits vor dem 2. Weltkrieg schon einmal mit dem ehemaligen vatikanischen Botschaftsgebäude bebaut waren. Alte Baumbestände blieben durch die neue Bebauung verschont und wurden selbstverständlich vor den Baumaßnahmen gut geschützt.

Die Idee der übereinander gestapelten Stadtgrundstücke wurde in der Architekturgeschichte schon wiederholt vorgetragen. Das Besondere und Neue bei diesem Projekt sollte die Berücksichtigung ökologischer Bauweisen für die Einzelhäuser und das behutsame Einfügen des Projektes in ein ökologisch wertvolles Grundstück sein.

Eine qualifizierte Koordination der einzelnen Entwürfe wurde bewusst nicht durchgeführt. Es gab nur einen einzigen Termin, an dem alle Architekten und Bauherren ihre 1:50-Modelle für einen Nachmittagstermin in das Modell der Infrastruktur eingeschoben haben. So entstand als Ergebnis eine anarchistische Architektursprache mit harmonischen und disharmonischen Stellen, eben in zufälliger Abhängigkeit, ob eine Kommunikation zwischen benachbarten Planern stattgefunden hatte oder nicht - ein "patchwork" eben. Die Realisierung der Häuser erforderte eine ziemlich perfekte Detailplanung, da die von Frei Otto vorgegebene Infrastruktur "unantastbar" war. Auch der organisatorische Bauablauf war - ohne übergeordnete Koordination der 18 Individualbauherren - eine Herausforderung, denn es kam durchaus vor, dass das obere Haus schon gebaut wurde, bevor mit dem darunter stehenden überhaupt begonnen wurde. Von Vorteil war für uns (sol•id•ar), dass wir von vier Einzelbauherren beauftragt wurden und dass eine sehr kollegiale Zusammenarbeit mit Martin Küenzlen entstand, der ebenfalls vier Häuser plante. So konnten zum Vorteil der Bauherren wenigstens für diese acht Häuser einige Baumaßnahmen besser koordiniert werden.

Baukonstruktive Kompromisse waren zu finden, z.B.: Durch die gewünschte/ erforderliche leichte Holzbauweise der oberen Gebäude des insgesamt fünfgeschossigen Wohnhauses mussten die „Stahlbeton-Tischränder“ jeder Plateau-Ebene hervorstehen (brandschutztechnische Ersatzmaßnahme), was logischer weise zu Wärmebrücken führte, die bauphysikalisch einwandfrei und kostenintensiv bewältigt werden mussten. Dass diese Schwäche des Konzeptes anders lösbar war, zeigt z.B. ein anderes Baugemeinschaftsprojekt der selben Zeit, das sog. Wohnregal in der Admiralstraße (Berlin-Kreuzberg) – allerdings unter Einbüßung des individuellen Erscheinungsbildes der Einzelwohnungen.

Das „Ökohaus“ zeigt als Gesamtwerk, dass individuellster Wohnungsbau - ob gefördert oder frei finanziert - auch im mehrgeschossigen Wohnungsbau und auch unter Beachtung ökologischer Bauweisen möglich ist und dass das Ausweichen in Einfamilienhausgebiete am Stadtrand keine zwangsläufige Entscheidung sein muss.

Viel geschrieben und diskutiert wurde über dieses Projekt in den letzten 20 Jahren, Diplomarbeiten und Seminararbeiten gefertigt...... Kurz und am besten beschrieben wurde es in zwei Artikeln von Erwin Mühlestein im DocuBulletin Nr.8, 22. Jahrgang (1990), herausgegeben von der Schweizer Baudokumentation in Blauen (CH) und im BauDocBulletin Nr.3 1992 ebenfalls herausgegeben von der Schweizer Baudokumentation. Auch ein kritischer Artikel in db 9/90 ist lesenswert und natürlich auch – nicht nur wegen des „Ökohauses“ – «Das Gesamtwerk Frei Otto – Leicht bauen, natürlich gestalten, 2005 Birkhäuser-Verlag und Architekturmuseum München, ISBN-10: 3-7643-7233-8 und ISBN-13: 978-3-7643-7233-0»

Eine aktuelle Erwähnung fand das Projekt in der „taz Berlin“ vom 15.12.2009, „Leben im Ökolabor“ von Svenja Bergt im Zusammenhang mit der Klimaschutzkonferenz in Kopenhagen.

 

11a Südansicht
11a Terrasse
11a Wintergarten
11b Bead-Wall
beads werden eingeblasen
11b Nord-Fassade
12 Eingang auf dem Plateau
12 Innentreppe mit Schuhregal
12d Süd-Fassade

Corneliusstraße - Haus 11a

Die Grundrißgestaltung und die natürliche Lichtführung schaffen eine angenehme Atmosphäre. Außen- und Innenraum gehen durch den angelehnten Wintergarten fließend ineinander über.

Das Glashaus bietet Raum für einheimische und subtropische Ve­getation. Die Pflanzenbewässerung erfolgt über die Nutzung des eigenen Grauwassers aus der Küche.
Die geschützte Terrasse am Wohnbereich mit Zugang zum Glashaus ist Teil einer mikroklimatisch beruhigten Zone am Gebäude.

 

Corneliusstraße - Haus  11b

Die konsequente Einbindung in das Bauvo­lumen des Gesamtprojektes minimiert den Heizenergiebedarf.

Gebäudeentwurf und Baukonstruktion er­möglichten ein Höchstmaß an Eigenleistung der Bauherren. Die Auswahl physiologisch verträglicher Baustoffe war bei diesem Pro­jekt Voraussetzung.

Die äußere zweigeschossige Wintergartenfassade erhielt ein Temporäres Wärmeschutz System, TWS-System (beadwall™) mit 7 "Kastenfenstern", deren Hohlräume mit Dämmgranulat gefüllt werden können. Dadurch wird nachts der Wärmeverlust stark reduziert, am Tage wird das Granulat wieder herausgesaugt und in Kellertanks gelagert, so dass Ausblick und solarer Gewinn wieder möglich sind. Im Rahmen seiner Promotion hat Günter Löhnert nachgewiesen, dass bei richtiger Bedingung und entsprechendem Sonnenstrahlungsangebot am Wintertag der solare Wärmegewinn größer ist als die Wärmeverluste in der Winternacht. Die 24h-Bilanz ist als positiv.

Unter der Badewanne im OG wurde der Raum für die Sammlung des Badewassers geschaffen, um die im Eg darunter befindliche Toilette mit diesem Grauwasser spülen zu können.

Ein Lehmofen wird zur Entlastung der Zen­tralheizung in der Übergangszeit befeuert.
Die Verschattung durch den Baumbestand des Grundstückes wird durch ein nachführba­res Tageslichtlenksystem ausgeglichen.

Ein Tageslichtlenksystem mit automatisch nachgeführten Heliostaten wurde für die Erdgeschossräume, die vor allem im Sommer durch den üppigen, alten Baumbestand dunkel bleiben, bis zur Produktionsreife entwickelt. Die Installation scheiterte jedoch an nachbarschftlich-rechtlichen Hindernissen.

 

Corneliusstraße - Haus 12

Ein optimiertes Südfenster ermöglicht den direkten solaren Wär­megewinn im Winter. Das thermostatisch gesteuerte Heizsystem berücksichtigt die solaren Heizbeiträge. Im Sommer bietet eine Schrägfallmarkise bei gleichzeitigem Ausblick auf den Land­wehrkanal den erforderlichen Sonnenschutz.

Der seitliche Wintergarten reicht über drei Ebenen und ermöglicht den direkten Zugang auf das eigene Gründach. Der Bau des Wintergartens wurde zeitlich verzögert ausgeführt. In den ersten drei Jahren diente eine Folien bespannte Bambus-Konstruktion als Provisorium.

Dachbegrünung und Fassadenberankung tragen zur Stabilisierung des Mikroklimas bei.

 

Corneliusstraße - Haus 12 d

Die konsequente Grundrißzonung minimiert die Wärmeverluste des Wohngebäudes; das vorgelagerte zweigeschossige Glas­haus bietet den Bewohnern eine attraktive, temporär nutzbare Wohnraumerweiterung. Der Boden des Glashauses ist partiell unversiegelt, so dass die Pflanzen sich den Wurzelraum nehmen können.

Die gestaffelte Westfasssade bringt Licht in die hinteren Räume. Die seitliche Anböschung reduziert die Transmissionswärmeverluste.

Transluzente Wärmedämmung und temporäre Wärmeschutzmaßnahmen (bead-walls) an Fenstern sind Bestandteil des Energiekonzeptes.

 

Ziel des Projektes

war eine gesunde Mischung von individuell gestalteten Einzelhäusern, die ein Höchst­maß an klimagerechten, energiesparenden und öko­logisch orientierten Entwurfsprinzipien miteinander vereinen. Dabei sollten auch unkonventionelle Lösun­gen zum Teil im Selbstbau verwirklicht werden kön­nen, die unsere heutigen Wohnvorstellungen berei­chern.
Um die Harmonie zwischen Mensch und Natur zu er­möglichen, wurden vorhandene Pflanzen und Baum­bestände auf dem Grundstück zum integralen Be­standteil des Gesamtprojektes.

11a und 11b Erdgeschoss
11a Schnitt
11a Glashaus
11b Beadwallfassade zum temporären Wärmeschutz
11b Schnitt mit Tageslichtlenksystem
11b Lehmofen
12 Eingangsebene (im 2.OG)
12 Modell
12 Solarer Direktgewinn
12d Erdgeschoss
12d Eingang
12d Transluzente Wärmedämmung
Mauerwerk mit ungebrannten Lehm-Grünlingen
die Architekten
1987: Noch sind es nur Planungen
2010 Himbeeren im 2.OG
2010 Gartenweg auf dem 1. Plateu (2.OG)
zum Schutz der Baumwurzeln führt der Weg über einen auf- geständerten Holzsteg